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August 30, 2016

FTTH auf dem Lande nur bei vielen klaren Jas

Während in den Städten der Infrastrukturwettbewerb in vollem Gange ist und die FTTB/H-Erschließung (FTTB – Fiber to the Building, FTTH – Fiber to the Home) in Konkurrenz zu bestehenden Kupfer- und Funknetzen voranschreitet, sieht es auf dem Land meist anders aus. Abgesehen von einzelnen Leuchtturmprojekten – deren Glanz bei detaillierter Betrachtung oft schnell verblasst – beschränkt sich der Glasfaser-Rollout auf den urbanen Raum.
Wie es anders geht, erfuhr der Breko- Arbeitskreis Glasfaser bei seiner Exkursion nach Schweden. Dort entstehen flächendeckend FTTH-Netze, weil die Bürger, die Politik und die Wirtschaft es so wollen. „Kupfer war gestern, jetzt ist Glasfaser“, lautet das schwedische Paradigma. Auch in Deutschland ermöglicht ein klares Ja aller Beteiligten Glasfasernetze auf dem Land. Wenn Bürger, Netzbetreiber, Kommune und Politik sich auf ein gemeinsames FTTH-Infrastrukturziel verpflichten, gelingt es, die strukturellen Nachteile des ländlichen Raums zu überwinden.

Ein klares Ja der Netzbetreiber
Ein klares Ja der Netzbetreiber für FTTH auf dem Land heißt die geringe Effizienz und das höhere Investitionsrisiko zu akzeptieren. So belaufen sich die FTTH-Investitionen pro Nutzungseinheit am Land etwa auf das Zehnbis Zwanzigfache gegenüber dem Netzausbau im städtischen Raum. Zudem führen die hohen Investitionen pro Nutzer, die geringe Bevölkerungsdichte und die geringe absolute Anzahl Kunden zu deutlichen Effizienzverlusten. Eine Stunde Arbeitskraft in der Stadt investiert, führt für den Netzbetreiber zu einer vielfach höheren Wertschöpfung. Auch das Projektrisiko aus der geringen Wachstumsrate des ländlichen Raums erfordert ein klares Ja. So führt eine Überschreitung der Projektkosten bei FTTH am Land zwangsläufig zu einem Stranded Investment. Über die Zeit aber verschafft die Glasfaser auf dem Land dem Netzbetreiber ein faktisches Infrastrukturmonopol, das sich durch eine hohe Kundenquote sowie eine geringe Wechselrate auszeichnet und dauerhaft stabile Einnahmen bildet.

Ein klares Ja der Bürger
Ein klares Ja der Bürger für FTTH auf dem Land heißt, solidarisch zu handeln und aufgeschlossen für technische Innovationen zu sein. Wenn es einem Netzbetreiber überhaupt möglich ist, wirtschaftlich ein Glasfasernetz auf dem Land zu betreiben, dann nur, wenn die Vermarktung Kundenquoten jenseits der 70 % erreicht. Gewöhnlich gibt es auf dem Land aber mehr technisch schlecht ausgestattete und überalterte Haushalte als in der Stadt. Das heißt, die Mehrzahl der Bürger muss das Glasfaserangebot auch dann annehmen, wenn sie aktuell keinen zusätzlichen Bandbreitenbedarf sieht. Zudem müssen die Bürger bereit sein, schon in der Vorvermarktungsphase verbindliche Kundenverträge zu unterzeichnen – und dies für ein eventuell erhöhtes monatliches Bereitstellungsentgelt. Nur so lassen sich die sich aus der geringen Bevölkerungsdichte ergebenden, strukturellen Nachteile ausgleichen.
Der Einsatz kostensenkender Maßnahmen
wie Mikro-Trenching, Glasfaser auf Freileitungen oder die Eigenverlegung von Mikrorohren auf dem Grundstück müssen von den Bürgern ebenfalls mit einem klaren Ja gutgeheißen werden.

Ein klares Ja der Kommune
Ein klares Ja der Kommune für FTTH auf dem Land heißt, die Verantwortung für den Erfolg des Glasfaserprojektes zu übernehmen. Nur der Einsatz der Kommune kann dies sicherstellen und die geografischen Nachteile ausgleichen. Die Kommune muss dem Netzbetreiber der verlässliche Partner sein, der Investitionen in ein Projekt mit geringer Effizienz und erhöhtem Risiko rechtfertigt. Hierzu weckt und bündelt die Kommune die Bedarfe der Bürger und macht diese gegenüber den Netzbetreibern transparent. Gegebenenfalls geht die Kommune durch Eigeninvestitionen in passive Infrastruktur und der Vermarktung dieser in Form eines Betreibermodells mit ins wirtschaftliche Risiko.
Das Ja zu FTTH auf dem Land umfasst
auch die uneingeschränkte Bereitschaft zur interkommunalen Zusammenarbeit – jenseits historischer Gräben. Nur die Bündelung von lokalen Märkten lässt wirtschaftlich relevante Regionen entstehen und ermöglicht die Anbindung entlegener Gegenden an überregionale Glasfaserstrecken.

Ein klares Ja der Politik
Ein klares Ja der Politik für FTTH auf dem Land heißt, endlich die Technologieführerschaft der Glasfaser anzuerkennen und das Handeln zielgerichtet und nachhaltig daran auszurichten. Hierzu müssen die Breitbandziele einem Infrastrukturziel weichen. Statt auf Zwischentechniken wie Vectoring und einer Sonderstellung für das marktbeherrschende Unternehmen zu setzen, ist die Investitionsführerschaft
des Wettbewerbs anzuerkennen. Rund 80 % der heute verfügbaren FTTB/H-Anschlüsse gehen auf das Konto der Wettbewerber. Gerade die FTTB/H Konzepte regionaler und kommunaler Betreiber bringen die Glasfaser auf’s Land. (bk)

Alfred Rauscher, Geschäftsführer der R-KOM GmbH
Quelle: NET 7/8 2016